Notfallversorgung im Krankheitswesen – der Moritaten 3. Teil

4. Juni 2008 – 20:54

Wenn Ihr jetzt glaubt, diese Geschichte hätten sich Monty Python oder Smack the Pony ausgedacht oder gar ich endlich mit einem skurrillen, absurden Roman begonnen: ist nicht!
( Neu-Einsteiger bitte erst Moritat Teil 1 und dann Moritat Teil 2 lesen – Ihr wisst sonst gar nicht, wie die Party angefangen hat)
Die Geschichte ist echt so weitergegangen:
In der Uni passierte ausser dem Besuch der Oberärztin (Nephrologin = Nierenspezialistin übrigens – keine Kardiologin = Herzspezialistin und einem EKG dann nichts mehr. Zu Essen und zu Trinken bekam E. übrigens auch den ganzen Tag und die ganze Nacht nichts. Glücklicherweise hat ihre Lebensgefährtin D. sie damit versorgt. Erst durch meine studentische Freundin in der Klinik kam um 22:00h endlich auch mal ein ein Kardiologe (erfahrener Oberarzt) ans Notaufnahmebett meiner Freundin. Also ca 9 Stunden nach ihrer Aufnahme dort. Der hat dann folgerichtig für heute noch zwei wichtige Untersuchungen angesetzt, die wir ambulant zuvor nicht machen konnten. In der Früh organisiert meine studentische Freundin dann endlich ein Zimmer auf Station (konnte keiner der Mitarbeiter vorher) und will E. abholen. Aber die ist inzwischen von der Nephrologin entlassen worden!!!

Jawohl! Von der Ärztin, die gestern das Langzeit-EKG schlußendlich von “meiner” Kardiologin hat auswerten lassen. Können die inder Uni wohl nicht. Was diese übrigens trotz Feierabend gestern natürlich noch gemacht hat und SOFORT einen Bericht in die Uni gefaxt. Den hat die Nephrologin dann heut morgen gemütlich gelesen und gedacht, damit wär doch alles abgeklärt… Während der Kardiologe und die Station auf E. warteten, um diese beiden wichtigen Untersuchungen ( Cardioangiographie und EPU ) in Angriff zu nehmen.

Für die fachlich interessierten Leser an dieser Stelle ein verständlich geschriebener link zum medizinischen Hintergrund der ganzen story. Es ist immer noch nicht abschließend geklärt, warum Sonntag E.´s Herz stillstand und sie Montag wieder umgekippt ist.

Also machen wir die Untersuchungen jetzt eben nicht in der Uni. Dort gibt es zwar Kardiologen, die was können, die dürfen aber nicht, so wie sie sollen und wollen. Das ist Uniklinik-Organigramm bedingt. Auch hier Dank an die Gesundheitspolitik! Sondern die liebe niedergelassene Kardiologin und ich nehmen das Ganze wieder in die Hand. E. schläft heute Nacht zu Hause – da ist sie in jedem Fall sicherer als in einer Uni-Klinik. Und auch sicherer, als in dieser Provinzklitsche. Nochmal: Danke Ulla!

ps: some private thoughts…
Die Angst, das sich die Synkope wiederholt, haben wir alle drei. Solange die Ursache nicht endgültig abgeklärt und behandelt ist.
E. und D. sind verständlicherweise verunsichert. Aber als echte Selbstständige führen sie parallel Ihr Unternehmen weiter in all dem. Angestellte kriegen in solchen Situationen über Wochen und Monate Krankenscheine und Reha oder andere Anschlussheilbehandlungen…
Für E. haben wir das alles jetzt privat organisiert. Nach Abschluss der Diagnostik zwei Wochen bei einem erfahrenen Team in Spanien.

Also nicht vergessen: es gibt nicht nur den Unterschied zwischen Kassen- und Privatpatienten, sondern in beiden Sicherungssystemen den klaffenden Unterschied zwischen Angestellten und Selbstständigen. Davon irgendwann später wieder mehr. Ich bin grad einfach nur froh, daß E. lebt und ich so wundervolle Freundinnen und Kollegen hab, die das alles mit uns durchstehen. Danke an “just me”, “miss_z” – und an die tolle Kardiologin.

Twitter das!

  1. 22 Kommentare zu “Notfallversorgung im Krankheitswesen – der Moritaten 3. Teil”

  2. Donata

    Das ist die absolute Horrorstory! Ich dachte eigentlich immer, dass die Uniklinik einen ganz guten Ruf hätte. Wie man sich da täuschen kann.
    Unglaublich, dass die Ärztin sie so schnell entlassen hat, vor allem, wenn das schon der zweite Vorfall war!

    geschrieben von Donata am 04. Jun, 2008

  3. tux.friend

    @sarah,

    ich kann mich nur nochmal wieder holen, ich hoffe das ich nie richtig krank werde.
    wie wahr der letzte satz aus der wdr parodie über ullala ist, hätte ich nie gedacht. “und beleiben sie gesunde, den anders wäre schlecht” oder so ähnlich.

    geschrieben von tux.friend am 04. Jun, 2008

  4. just me

    schade, daß meine bemühungen nicht auf fruchtbaren boden fallen konnten. kommunikation zwischen beiden OÄ wäre alles gewesen! ich hab die beste station ausgesucht und die besten kardiologen von uns darauf angesetzt. so möchte ich später nicht arbeiten….

    geschrieben von just me am 04. Jun, 2008

  5. Doc Sarah

    @ donata: ja, unikliniken sind so ein ding für sich… nur herr lauterbach findet die gut. engagierte ärzte aus wohlbekannten gründen nicht..

    @ tuxfriend: wenn ich ihr denn irgendwann in einer diskussion mal begegnen darf, mach ich für euch alle den riechling…

    @ just me: so wirst du auch nicht arbeiten. tust du ja jetzt schon nicht. wir haben jetzt beide alles gegeben – trotz krankheitsreform.

    geschrieben von Doc Sarah am 04. Jun, 2008

  6. Alexander

    Ich fasse es immer noch nicht. Sagte ich letztens, dass immer zwei dazu gehören? Es gehören drei dazu. Neben Ullala mit angehängtem Propeller und den Ärzten definitiv auch “die Bürger”. Die ja immer wieder gern zitiert werden, wenn es um vermeindliche Sicherheit geht. Offensichtlich geht das Sicherheitsbedürfnis nicht so weit, dass man Wert auf gute Gesundheit bzw. rasche und kompetente Hilfe in Notfällen legt. Und dafür den Verantwortlichen auch mal in den sprichwörtlichen Hintern tritt.

    geschrieben von Alexander am 04. Jun, 2008

  7. Michael -  Baudax

    In unserem schönen Holstein demonstrieren und protestieren die Milchbauern. Ein Passant schimpfte fürchterlich und meinte, in Deutschland wird viel zu schnell demonstriert und protestiert.
    Ich habe ihm gesagt, das Gegenteil ist richtig.
    Viel zu wenig wird demonstriert. Wir lassen Ulla und den Propellermann nebst Interessenvertretern (sind das noch Volksvertreter?) herrlich in Ruhe, die können Gesetze machen zum Schaden des Volkes und keiner protestiert. Herrn Zöller habe ich geschrieben (gesundheitspolitischer Sprecher CDU, dass das Wort “Reform” im Zusammenhang mit “Gesundheit” sofort unter Strafe gestellt werden müsse. Mal gespannt, ob er hier mitliest (oder lesen lässt).
    Ich glaube, es muß erst eine Bewegung wie 1989 in der DDR geben, bevor Berlin aufwacht und sich der eingegangen Pflichten erinnert “Zum Wohle des deutschen Volkes”. Nicht zum Unwohl oder zum Tode.
    Gratulation Sarah, dass Du so tolle Mitstreiter wie “just me” hast. Du weisst ja, was man ausstrahlt…:))
    Unterrichte uns bitte alle hier weiter.

    geschrieben von Michael - Baudax am 04. Jun, 2008

  8. Ludger

    In der Süddeutschen Zeitung waren gestern die Krankenhäuser ein “Sonderthema: Operationsfeld Patient.” (Seite 2) Einige “Experten” geben offen zu, dass immer mehr schief geht. (Chirurgen) So gibt es eine Leitlinien für Patientensicherheit. Da heißt es u.a.: Bitte vor einer OP prüfen, ob man der richtige Patient ist. (Namensverwechselung, etc.)
    Wenn man so etwas liest, wird einem ganz anders. “Der Patient muss mitdenken,” heißt es dort. Schlimm nur, wenn dass nicht mehr geht!

    Das Krankenhaussystem scheint selber ein Patient zu sein, der am Tropf hängt. So gibt es seit heute ein Portal, wo sich der Patient selber das richtige Krankenhaus aussuchen kann. http://www.weisse-liste.de/
    Ob die Notfallversorgung dadurch besser wird?

    geschrieben von Ludger am 05. Jun, 2008

  9. tux.friend

    ähh alexander böse gesagt macht es sinn. ein bürger der nicht mehr da ist, stellt a) kein sicherheitsrisiko da und b) braucht er auch keine sicherheit mehr, ergibt: der staat spart geld.

    geschrieben von tux.friend am 05. Jun, 2008

  10. just me

    @michael_baudax: danke für das kompliment! es macht auch viel spass mit sarah zu arbeiten! ;o)

    geschrieben von just me am 05. Jun, 2008

  11. Doc Sarah

    Hier die erste Stellungnahme der angeschriebenen Politiker – von Gisela Piltz MdB:

    Sehr geehrte Frau Dr.Schons,

    der geschilderte Vorfall ist unglaublich. Zeigt aber auch deutlich, dass der von der Großen Koalition beschrittene Weg nicht der richtige ist. Die FDP hat deshalb auch geschlossen gegen das im April im Deutschen Bundestag behandeltem GKV-WSG gestimmt.

    Die Kombination von staatlicher Beitragsfestsetzung in Kombination mit einem nicht funktionsfähigen Minizusatzbeitrag, mit einem Gesundheitsfonds, aus dem den Krankenkassen Geld zugeteilt wird, einem Krankenkassendachverband, zentralisierten, durch diesen Dachverband zu regelnden Vergütungsvereinbarungen, einem stärker dem Einfluss des Ministeriums ausgesetzten Gemeinsamen Bundesausschuss sowie der schrittweisen Abschaffung der PKV führt in die Staatsmedizin und zum Einheitsmodell. Diese Reform widerspricht dem liberalen Grundverständnis, das auf Eigenverantwortlichkeit, Wahlfreiheit und Wettbewerb setzt. Durch die Hintertür soll die private Krankenversicherung abgeschafft werden, obwohl dieses Versicherungsmodell wesentlich besser als das umlagefinanzierte GKV-Modell geeignet ist die Folgen der demografischen Entwicklung zu bewältigen und Generationengerechtigkeit herzustellen. Über verfassungsrechtliche Bedenken setzt man sich hinweg.

    Mit diesem Gesetzesvorhaben wird die heutige Organisation der Krankenversicherung und der Gesundheitsversorgung in Gefahr gebracht, ohne dass man die anstehenden Probleme löst. Es erfolgt:

    - keine Entlastung weder der Lohnzusatzkosten noch der Versicherten; stattdessen steigen die Beiträge,

    - keine Entkoppelung von Gesundheitsausgaben und Arbeitskosten; der Arbeitgeberbeitrag wird nicht festgeschrieben,

    - keine Entbürokratisierung; stattdessen kommt mit dem so genannten Fonds ein weiteres bürokratisches Instrument hinzu,

    - keine Vorsorge für die demografische Entwicklung; es bleibt bei Umlagefinanzierung zu Lasten der jungen Generation,

    - keine Transparenz; weder bei den Beiträgen noch bei den Abrechnungen, bei denen am Sachleistungsprinzip festgehalten wird,

    - keine Freiheit für die Versicherten, ihren Versicherungsschutz weit­gehend selbst zu gestalten,

    - keine Konzentration der über Zwangsbeiträge finanzierten Leistungen auf das medizinisch unbedingt Notwendige,

    - keine Nachhaltigkeit.

    Mit freundlichen Grüßen

    Gisela Piltz

    geschrieben von Doc Sarah am 06. Jun, 2008

  12. Michael - Baudax

    Leider noch keine Reaktion der “Verursacher”
    Dr. Rossmann, Dr. Schöder oder H. Zöller.
    G. Piltz hat natürlich gut schreiben, sie ist in der Opposition. CDU/CSU und SPD scheinen in Erklärungsnotstand zu sein.
    Bleibt zu hoffen, dass die Abgeordneten das Gesetz auch tatsächlich gelesen und nicht nur abgenickt haben, wie die Oppostion in Hessen, als es um Studiengebhren ging. Genau diese Abgeordneten wollen wir nicht in den Parlamenten, Abnicker gehören in den Verein der Karnickelzüchter..

    geschrieben von Michael - Baudax am 09. Jun, 2008

  13. ednong

    Durch Zufall aufmerksam geworden. Und mir fällt nur ein: “Ich fass es nicht.”

    geschrieben von ednong am 12. Jun, 2008

  14. Dennis

    Hallo,
    ich habe deinen Blog über den Blog von Susanne gefunden (Psychomüll).
    Du schreibst sehr interessant, kritisch bleibst aber trotzdem fair. So was gefällt mir. Dein Bericht hat mich sehr erschrocken. Leider habe ich aber auch eine sehr negative Erfahrung in diesem Zusammenhang gemacht. 2005/ 2006 war ich in der Psychiatrie. Meine Psychotherapeutin hat mich dort wegen massiver Suizidgedanken eingeliefert. Erst auf der geschlossenen und dann in der Regulären Station. Das Resultat war ICD Code: F31.4. Durch die klassischen Symptome wurde ich von meiner Therapeutin wegen ICD Code: F32.0 behandelt. Durch die Verhaltensmuster ist sie nicht zu der Diagnose F31.4 gekommen. Ist ja auch egal, leider leide ich auch an Epilepsie. Vor dem Klinikaufenthalt hatte ich 4 Jahre keinen Anfall und die Epilepsie beeinträchtigt mein Leben auch nicht wirklich massiv. Es handelt sich um eine Schlaf- Wach- Rhytmus- Epilepsie. Da in der Klinik die Medikamente massiv umgestellt wurden habe ich einen Grand- Mal bekommen. Das war morgens um 08:30h. Es hat ganze 30 Minuten gedauert bis ein Krankenpfleger da war. Das muss man sich mal vorstellen. Nur weil unter den Patienten ein Arzt war konnte er mir direkt helfen. Ich wurde erst 3 Stunden nach dem Anfall von einem Arzt behandelt. Auch die Krankenpflegerin war total überfordert. Ich habe erst danach erfahren das in der Klinik aus Kostengründen nachts kein Arzt mehr anwesend sein kann und in Notfällen aus einer anderen Klinik kommt. Man muss dazu sagen das ich in einer Stadt lebe wo ca. 9 Kliniken in einem Stadtteil sind. Trotzdem kann es nicht sein das es 30 Minuten dauert bis eine Erstversorgung in Kraft tritt von einer total überforderten Krankenpflegerin. Als Erklärung des Anfalls wurde übrigens angegeben das der Serotoninspiegel von 20 auf 5 gesunken ist. Ich habe das allerdings nicht verstanden. Man muss dazu sagen das der gesamte Aufenthalt in der Klinik absolut positiv war, aus Sicht der Behandlung der psychischen Symptome und sich das Personal viel Mühe gibt. Das sind insgesamt Geschichtenm die sein müssen.
    Auch da Danke an Ulla…

    geschrieben von Dennis am 17. Jun, 2008

  15. Dennis

    Nachtrag: Der letzte Sactz soll heissen: Das sind Geschichten die wirklich nicht sein müssen.
    Ich würde mich freuen wenn du mal in meinem Blog vorbei guckst

    geschrieben von Dennis am 17. Jun, 2008

  16. Kim

    Ein hervorragendes Blog, Frau Dr. Schons! Habe die tragische Geschichte in drei Teilen gespannt gelesen und hoffe inständig, sollte mir so etwas mal wiederfahren, dass ich dann in der Nähe einer so engagierten Ärztin wie Ihnen bin.

    Als Informatiker will ich mir selbst noch vermerken, dass Ihr Blog ein gutes Beispiel ist, wie man Fachliches für die Masse verständlich macht. Da können sich so einige meiner Berufskollegen, inklusive mir, eine Scheibe abschneiden!

    Weiter so und alles Gute für Ihre Freundin!

    geschrieben von Kim am 15. Jul, 2008

  17. Anton

    Hm, klingt gar nicht gut. Aber da sieht man mal wieder ob GKV, ob PKV, ob männlich, ob weiblich, ob alt oder jung, man ist im Zweifel immer genauso abhängig von Dingen, die man nicht selbst in der Hand hat. Kein sehr angenehmes Gefühl.

    geschrieben von Anton am 02. Feb, 2009

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