Update zu „Deutsches Krankheitswesen aktuell“

3. Juni 2008 – 16:54

Wenn es nicht so tragisch wäre, käm mir die Geschichte bald vor wie eine Soap mit ganz schlechten Drehbuch. Und das ist ja nur ein Beispiel von vielen… Also, am Sonntag hat meine Freundin E. einen kunstfehlernden Notarzt und eine kunstfehlernde Provinzklinik überlebt. Die Story dazu hier.

Gestern morgen dann haben eine sehr gute kardiologische Kollegin und ich dann die komplette Diagnostik durchgeführt. Infarkt und einige andere Sachen waren dann endlich ausgeschlossen. Langzeit-EKG und Langzeit Blutdruckmeßgerät sollten uns dann heute Vormittag endgültig Aufschluß geben. Um 11:30h rief mich meine andere Freundin D. an: E. war zu Hause wieder zusammengebrochen. Aber bei Bewußtsein. Gottseidank. Also schnell RTW gerufen, um einen sicheren Transport zu gewährleisten. Kardiologin informiert, die bereitet in der Praxis alles vor und organsiert schon ein Bett in einer guten kardologischen Abteilung für den Fall der Fälle. Diagnose: dringender Verdacht auf erneutes Kammerflimmern oder kompletten AV-Block. Beides nicht lustig.

RTW kommt 30 min später (!) mit Notärztin, die telefoniert mit mir und Kardiologin, ist auch bereit die Patientin zu bringen. Da streikt der Fahrer. Es sei gegen die Vorschrift. Sie müsse ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden. (Diskussionsdauer: wieder 40 min.) Das wäre dann wieder diese unverantwortliche Provinzklitsche gewesen. Oder aber in die Uniklink Düsseldorf. Statt 10 Minuten ins von uns avisierte Krankenhaus zu fahren, landet sie also 40 min später in der Uni. Die Kardiologie dort aus vielen Gründen nicht die erste Wahl. Glücklicherweise ist eine Freundin (Studentin) von mir vor Ort. Die nimmt E. dann in Empfang. Inzwischen ist es 13:00h.

Bis jetzt – also 16:30h – ist es in Aufnahme der tollen Uniklinik immerhin gelungen, die Personalien festzustellen, Fieber zu messen und einen Studenten eine (übrigens falsch liegende) Braunüle legen zu lassen, die von der niedergelassenen Kardiolgin und mir gefaxten Befunde zu verschlampen und die Langzeitmeßgeräte noch nicht zur Auswertung an die Kardiologin zurückzuschicken. Dann hätten wir nämlich schon längst die Diagnose. Und eine passende Therapie könnte auch schon eigeleitet sein.

Aber bis jetzt hat E. noch kein Arzt dieser Universitätskardiologie angeschaut geschweige denn untersucht. Also 5 Stunden nach dem Kollaps und 3 1/2 Stunden nach Eintreffen in der Uni. Ohne Worte.

Kassenmedizin im Schmidtschen Krankheitswesen. In den vielbesungenen Universitätskliniken des Herr Lauterbach. Dazu passt eine Meldung vom Ärztlichen Nachrichtendienst (änd), die ich heute erhielt:

Nach Meinung des Ärztekammerpräsidenten von Berlin, Dr. Günther Jonitz, erleben wir derzeit mit der Gesundheitsreform eine klare Umsetzung des SPD-Strategiepapiers von 1996. „Vorbild sind die skandinavischen Systeme oder Großbritannien – aber auch die DDR. Die Ministerin hat ja keinen Hehl daraus gemacht, dass das die Blaupause ist“, erklärte der Kammerpräsident im Gespräch mit dem änd.

Übrigens: E. ist ja wiegesagt Kassenpatientin. Der übliche Weg nach dem Sonntag wäre dann einer zum Hausarzt gewesen, der sich hätte überlegen können, ob er sie zu einem Kardiologen überweist. Auf einen Termin beim Kardiologen hätte sie dann gut 14 Tage oder gar länger warten müssen.
Die Kardiologin, die aus dem Stand gestern morgen einen Termin für sie freigemacht hat, und ich sind Privatärztinnen. Und zwar nicht, weil wir Snobs sind, sondern effiziente Versorgungsqualität für unsere Patienten wollen. Die ist im kassenärztlichen Bereich nun wirklich nicht mehr gegeben. Danke Ulla! Ganz großes Tennis!
Glücklicherweise laufen jetzt die ersten Klagen beim Budesverfassungsgericht gegen diese Gesundheitsreform. Kläger sind übrigens engagierte Ärzte.

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  1. 20 Kommentare zu “Update zu „Deutsches Krankheitswesen aktuell“”

  2. Michael -  Baudax

    Mir fehlen die Worte.
    Ich werde mal die Bundestagsabgeordneten unseres Landkreises auf diese Beiträge ansetzen und um Stellungnahme bitten.
    Unglaublich und unfassbar!

    geschrieben von Michael - Baudax am 03. Jun, 2008

  3. Doc Sarah

    gute idee, baudax-michael! bin mal sehr gespannt… die hier in düsseldorf reagieren nämlich nicht… und wiegesagt: das ist kein einzelfall, sondern der neue standard…

    geschrieben von Doc Sarah am 03. Jun, 2008

  4. Doc Sarah

    übrigens: nach 5 stunden kam dann eine oberärztin der uniklinik. die fand es eine gute idee, daß meine freundin d. das langzeit-ekg von e. zur niedergelassenen kardiologin zur auswertung bringt. so geschehen. ergebnisse an die uni zurückübermittelt. vermutlich werden die wieder verbaselt…

    geschrieben von Doc Sarah am 03. Jun, 2008

  5. tux.friend

    ich klopfe mal auf holz das ich a) entweder nie krank werde, oder b) nur wenn dat doc sarah in der nähe ist :))

    geschrieben von tux.friend am 03. Jun, 2008

  6. Michael -  Baudax

    3 Mails sind raus:
    1. Dr. Ole Schröder, CDU, mir persönlich gut bekannt, ein junger, sehr engagierter Abgeordneter.
    2. Dr Rossmann, SPD, war auch bei uns schon mal zum Frühstück. Sehr sozial eingestellter Politiker, von mir geschätzt, weil er der erste Abgeordnete war, der sich gegen die Diätenerhöhung auflehnte, seine Mitstreiter sammelte und wohl derjenige ist, dem es zu verdanken ist, dass die Diäten nicht schon wieder erhöht wurden.
    3. Zöller, CSU, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU Fraktion.
    Habe alle 3 gebeten, die Beiträge zu lesen und Stellung zu nehmen. Bin gespannt ob sie antworten oder über ihre Referenten blabla ablassen.!!

    geschrieben von Michael - Baudax am 03. Jun, 2008

  7. Doc Sarah

    super, michael-baudax! ich hab jetzt noch Gisela Piltz, FDP, gemailt – die ist auch sehr engagiert.

    geschrieben von Doc Sarah am 03. Jun, 2008

  8. Michael

    Also, von den skandinavischen Systemen kann ich dringend empfehlen, die Finger zu lassen, denn nicht ein Arzt entscheidet, ob ich eine ärztliche Versorgung benötige, sondern eine Krankenschwester in ihrem Panzerglaskasten, und das selbst, wenn sie nur ihre Muttersprache spricht. Ich weiß nicht, ob wir das wirklich wollen.
    Ach ja, stundenlanges Abgestellwerden auf Fluren ohne Möglichkeit auf sich aufmerksam zu machen, falls wieder Blut oder sonstige Dinge aus einem herausspritzen, gehören zwingend zu diesem skandinavischen „Armensystem“ dazu.

    geschrieben von Michael am 03. Jun, 2008

  9. Alice

    Skandinavien ist super. Da bekommen in der Ferienzeit Medizin-Studente die zeitlich befristete Approbation und dürfen das Krankenhaus schmeissen, weil die Ärzte in ihr Ferienhaus am Fjord fahren wollen.

    geschrieben von Alice am 03. Jun, 2008

  10. Doc Sarah

    ich verstehe – kenn ich alles aus england (ohne fjorde) – wer hier hat denn noch erfahrungen aus der DDR beizusteueren?! dann wär die schmidtsche vision ja komplett…

    geschrieben von Doc Sarah am 03. Jun, 2008

  11. Donata

    Die Behandlung von Kassenpatienten in Deutschland ist eine Katastrophe! Bei dieser Geschichte bekommt man richtig Angst und ich muß gestehen, dass ich schon jetzt Angst habe, denn ich bin ja Kassenpatientin.
    Sag mir bescheid, wenn ich irgendwo eine Unterschrift leisten oder protestieren soll. Was bilden sich eigentlich unsere privat versicherten Politiker ein? Sie sind ja ordentlich versichert! Die Kassen machen jedes Jahr ein paar Milliarden plus und uns werden immernoch Anwedungen gestrichen! Das kann doch nicht deren Ernst sein!

    geschrieben von Donata am 03. Jun, 2008

  12. just me

    leider kenne ich das aus eigener erfahrung. wer in der uni arbeitet, bekommt ne menge mit. wenn man sich dann nicht persönlich für jemanden einsetzt, kann das auch schief gehen. in diesem sinne: sarah, tausend dank an dich für dein engagement!!!

    geschrieben von just me am 03. Jun, 2008

  13. Doc Sarah

    1000 dank zurück, just me, du hast ja kräftig mitgeholfen! was machen aber bloß all die patient/innen, die kein solches back-up haben?!

    geschrieben von Doc Sarah am 03. Jun, 2008

  14. Zamyat

    Mein Gott, da laufen einem wirklich nur die Schauern über den Rücken – und ich hoffe inständig, nicht ernsthaft auf Krankenhaus in einem Notfall angewiesen zu sein (denn ich bin auch Kassenpatientin).

    Und wie du schon schreibst, wenn es nicht so tragisch wäre, könnte man sogar einen Krimi darüber schreiben (was ja einer meiner heimlichen Wünsche ist).

    Ich kann es einfach nicht fassen, dass es eine solche Ignoranz gibt und obwohl du als Kollegin dabei warst…
    Eine Lehre: alle Unterlagen kopieren, bevor man sie aus den Händen gibt.
    Zweite Lehre: feste beten!
    Dritte Lehre: was du ja auch anregst- protestieren, sich an die Stellen wenden, die dafür verantwortlich sind.

    Und ich kann nur hoffen, dass ich, wenn ich mal alt bin (noch älter 🙂 – einfach tot umfalle und so ein Szenarium nicht durchlaufen muss.

    Jetzt wünsche ich erst einmal deiner Freundin, dass sie bald gesund wird, dass geklärt wird, was überhaupt los ist und sie die beste Behandlung und Unterstützung bekommt!!

    geschrieben von Zamyat am 04. Jun, 2008

  15. PirateDoc

    Auch wenn der Post schon älter ist, dem interessiert lesenenden Notfallarzt stellen sich bei der erzählten Geschichte einige Fragen:

    1. Hat man letztlich eine gefährliche kardiale Ursache gefunden? Nein, oder?

    2. Welcher Schaden ist durch die Entscheidungen der beteiligten Kollegen für die Patientin effektiv entstanden? Soweit die Geschichte hier erzählt wurde keiner, richtig? Wo sind also die „Kunstfehler“?

    3. Mehrere, teilweise wohl auch mit Notfallsituationen recht erfahrene Kollegen, schätzen das Ganze nicht weiter abklärungsbedürftig ein, nur Du nicht. Warum ist das ein Skandal?

    4. Wie kann die Verdachtsdiagnose beim zweiten Ereignis Kammerflimmern sein, wenn die Patientin bei Bewusstsein war?

    Die Entwicklungen im deutschen Gesundheitssystem sind ein Skandal, sicherlich. Aber die erzählte Geschichte hat zu viele Fragezeichen, als dass sie dafür als Beispiel dienen könnte.

    geschrieben von PirateDoc am 03. Nov, 2009

  16. Doc Sarah

    @piratedoc

    ad 1) glücklicherweise nicht.zuletzt kam der kipptisch und das ereignis ließ sich reproduzieren (rhythmusstörung mit kurzem arrest) – die barorezeptoren also

    ad 2) es kann und darf uns ärzten doch nicht darum gehen, welcher schaden eingetreten ist, sondern welchen es abzuwenden galt, weil er hätte eintreten können!!!
    mal abgesehen davon, daß patientin wie angehörige lange in angst waren.

    ad 3) warum wurde wohl der notarzt sofort suspendiert? und warum erhielten die docs in der ersten klinik eine abmahnung?!
    in der uni passierten ja auch keine medizinischen kunstfehler, sondern nur organisatorisches chaos, das die diagnostik endlos verzögerte. und kostenintensive prokrastination – obwohl der supervidierende oberarzt auf zügige diagnostik drängte. bitte genau mal den geschilderten ablauf aller drei blogposts zu diesem vorfall lesen…

    ad 4) zwischendurch war sie ja wieder „weg“ – die verdachtsdiagnose kam von einer oberärztin der kardiolgie

    fazit: es war alles so, wie geschildert – da gibt es keine fragezeichen. bloß die am system. und damit zurück zum thema

    geschrieben von Doc Sarah am 03. Nov, 2009

  17. just me

    @piratedoc:
    die Thematik bzw. den Vorfall derart herunter zu spielen, ist meiner Meinung alles andere als angemessen. Dieses arrogante Schulterzucken, wenn doch alles nicht WEGEN sondern TROTZ der Umstände gut gegangen ist. Das ist ein kleiner, aber feiner und nicht unbedeutender Unterschied. Mal ganz abgesehen von den Gefühlen aller Beteiligten. Der Patient ist nicht nur ein Zellhaufen, dessen Integrität es aufrecht zu erhalten gilt. Mal ganz abgesehen davon, daß Ihre „Umfrage“ (siehe Position 3) bez. der Abklärungsbedürftigkeit kaum repräsentativ ist. Oder hat der recht, der am lautesten schreit?

    geschrieben von just me am 03. Nov, 2009

  18. Doc Sarah

    ja, es gibt immer evidenter werdende unterschiede zwischen ärzten (@justme) und systemimmanenten medizinern (@piratedoc)…
    und ich bin leidenschaftlich ärztin.

    geschrieben von Doc Sarah am 03. Nov, 2009

  19. PiratDoc

    @justme: Wenn öffentlich von „Skandal“ und „Kunstfehler“ sie Rede ist, stellt man sich schon Fragen. Wenn Du später selbst einmal Fehler machen wirst, natürlich nicht solche, welch abwegiger Gedanke, wirst Du auch froh sein, wenn nicht jeder gleich am öffentlichen Kesseltreiben teilnimmt, sondern Fragen stellt, bevor er über Dich urteilt. Das ist weder arrogant, noch von Schulterzucken überlagert. Noch weniger ist persönliche Betroffenheit ein Argument, jeden, der fragende Skepsis zeigt, gleich in die Ecke zu stellen, in der man ihn gerne hätte.

    @DocSarah: Wenn man versucht, über die eigene Nasenspitze hinauszudenken, was selbstverständlich für jemanden wie mich nicht einfach ist, stösst man im geschilderten Fall, auch nach Deiner Antwort, einfach auf etliche Fragen, sorry. Man tut sich auch schwer mit der Vorstellung einer Suspendierung des Notarztes, weil er die Pat. hat aufstehen lassen. Aber gut, Du wirst es ja wissen. Daraus gleich eine gesinnungsorientierte Etikettierung zu machen (sogenannte Ärzte vs. systemimmanente Mediziner) ist so ziemlich das Gegenteil von Querdenken. Mich hätte der Fall wirklich interessiert, aber so wird das wohl nichts, schade. Trotzdem liebe Grüsse aus der Schweiz, in der das System übrigens in vielerlei Hinsicht ein anderes ist.

    geschrieben von PiratDoc am 04. Nov, 2009

  20. justme

    @piratedoc: die Fragen hast Du doch beantwortet bekommen? Oder habe ich da etwas überlesen?

    geschrieben von justme am 04. Nov, 2009

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  2. Dez 16, 2008: Planet der Affen? « justme

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