Cyberchondrie – die Krankeit lauert im Internet

9. Januar 2010 – 20:03

Moderne Zeiten, moderne Menschen, moderne Krankheiten…
Der moderne Arzt kennt ihn gut, den ganz besonders modernen Patienten. Also den Cyberchonder an sich. Seine Krankheiten holt er sich im Internet in nächtelangen googeLAIEN.
Extrem ansteckend waren in Deutschland im letzten Jahr Folgen der unerkannten Lyme-BorrelioseW, HistaminintoleranzW und ganz besonders der LaktoseintoleranzW. Weil der Arzt an sich ja zu blöd ist, das nachzuweisen und die ärztlichen Laboratorien sich per se irren, wenn die entspechenden Tests negativ – also ohne Befund ausfallen. Die Diagnose stellt der einzig gültige Fachmann: der Cyberchonder.

Die CyberchondrieW greift immer weiter um sich. So weit, daß selbst Microsoft dagegen tätig werden will und nicht nur die entnervten Ärzte.
Vorbei die Zeiten, als Oma Müller mit sorgsam ausgeschnittenen Werbeanzeigen obskurer Mittelchen aus der „Frau ohne Herz“ oder dem „Goldenen Pralinée“ vorstellig wurde und um ein entsprechendes Rezept bat, weils der Nachbarin schließlich auch geholfen hat. Vorbei die Zeiten, als krankheitsfürchtende Lehrer uns mit dicken Aktenordnern seit 20 Jahren akribisch aufgezeichneter normaler Leberwerte heimsuchten und zur Kurvendiskussion nötigten.
Denn heute diagnostizieren sich  zunehmend mehr Menschen gern selbst – am liebsten in Laienforen. Die Selbstdiagnosen sind zwar zu über 90% falsch, aber dennoch: triumphierend  müllen Cyberchonder Praxis-Email Accounts mit ihren Recherche Ergebnissen zu und schieben auch gern mal nen 4GB Datenstick mit ebensolchen bei der Konsultation über den Schreibtisch.

Der Cyberchonder infiziert sich im Netz.
Den Laienforen sei Dank werden schnell aus unspezifischen Symptomen handfeste Krankheiten.
Die dann natürlich – dekadenlang von ignoranten Ärzten mutwillig übersehen- Schuld an aller Unbill im Leben des Patienten sind.
Auch Zufallsbefunde ohne klinische Relevanz oder Symptome erleiden das gleiche Schicksal.
Und dann wird beim Arzt nur noch eingefordert. Keine Körperöffnung soll unerforscht bleiben, kein Laborwert ungeprüft, keine Facharztdisziplin unkonsultiert und keine Körperregion ohne ComputertomographieW oder besser noch MagnetresonanztomographieW ungesehen bleiben. Und am liebsten noch eine komplette Entschlüsselung des GenomWs dazu.
Das alles natürlich zu Lasten der Solidargemeinschaft. Die Cyberchonder kosten uns ein Vermögen, ohne daß ihr Leidensdruck gemindert würde oder sich ihre subjektive GesundheitW erreichen ließe. Und sie werden immer mehr.

Als ganzheitlicher Ärztin aus Leidenschaft ist es mir wichtiger, herauszufinden, WARUM ein Mensch erkrankt ist, wenn ich diagnostiziert habe, WORAN.
ZB festzustellen, wogegen ein Mensch mit Unverträglichkeiten reagiert (davon leben Allergologen), ist für mich als Immunolgin eher trivial – zielführend ist: warum ist er „Allergiker“ und was können wir an der Gesamtsituation verändern und Gesundheit wieder herstellen.
(Zum Thema Laktoseintoleranz noch eine Anmerkung: welches der SäugetiereW ausser dem Menschen konsumiert im Erwachsenenalter eigentlich Milch?! Und dann auch noch von einer anderen Ordnung?!)

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  1. 7 Kommentare zu “Cyberchondrie – die Krankeit lauert im Internet”

  2. justme

    Ein „HipHop“ sagt mehr als tausend Worte!? Eine unlängst geführte Diskussion über solche ergoogelten „Diagnosen“ führte (leider) ins Nichts. Da (Falsch-)Informationen leider inzwischen überall abrufbar sind, wirds noch richtig schlimm werden….

    geschrieben von justme am 09. Jan, 2010

  3. Susanne

    zum Thema Laktoseintoleranz und Säugetiere, die artfremde Milch trinken:
    sicher ist es kein Zufall, dass verwöhnte Wohnungskatzen die ultrahocherhitzte und keimfrei abgefüllte Milch nicht vertragen. Und robuste freilaufende Katzen frische Milch oft problemlos vertragen.

    Für uns Zweibeiner: lieber mal beim Spaziergang für mehr Sauerstoff für die Gehirnzellen sorgen, als nach möglichen Wehwehchen suchen. Bekommt nicht jeder das, worauf er sich konzentriert?

    geschrieben von Susanne am 10. Jan, 2010

  4. Alex

    ich dachte immer wer sich selbst diagnostizieren will, der besorgt sich auch auf eigene faust die medizin. hätte zumindest nicht gedacht das sich das ganze bei den ärzten mitlerweile so bemerkbar macht…

    geschrieben von Alex am 10. Jan, 2010

  5. ml

    @Susanne Ich fange Diskussionen zum Milchkonsum immer mit der Frage an was wäre, würde wir die Milch der eigenen Ordnung in dem Maße konsumieren wie wir das mit fremder Milch machen. Und über Kalbfleisch haben wir da noch gar nicht geredet.

    Am Ende berührst du einen Punkt, der mich an der ganzen Diskussion eminent stört: die Medizin fragt nur Woran, nicht Warum. Aber dann müsste sie ja auch das Gesellschaftssystem kritisieren, per se.

    geschrieben von ml am 26. Jan, 2010

  6. Doc Sarah

    und mit einiger verzögerung greift denn auch yahoo lifestyle das thema auf… hier der aktuelle artikel basierend auf dem interview mit mir

    geschrieben von Doc Sarah am 25. Sep, 2011

  7. Doc Sarah

    die cyberchondrie greift weiter um sich… und das mißtrauen in die ärzte gleich mit.
    hier eine interessante, aktuelle beobachtung eines amerikanischen kollegen:

    http://www.kevinmd.com/blog/2013/06/health-information-online-trust-doctor.html

    geschrieben von Doc Sarah am 20. Jun, 2013

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